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Die Tagespost, 31. Mai 2011, Rezensent: Christoph
Böhr
Göttliche Spuren in Moderner Kunst
Das sakrale Kunstwerk kann nur im Kult und in der Liturgie das Transzendente
vergegenwärtigen
Schon auf den ersten Seiten dieses von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz herausgegebenen
und von Peter Hawel verlegten Buches hat der Leser allen Grund, hörbar
aufzuatmen: Denn der Band beginnt - im Wissen auch um die Schwierigkeit
der Fragestellung, der er gewidmet ist - mit einer Begriffsbestimmung
zwischen religiöser und sakraler Kunst, und endet mit einem Beitrag
über die Aussagen der Kirche zu dieser Problematik. Peter Hawel,
der das Buch nicht nur als Verleger betreut hat, sondern ihm auch einen
glänzenden, meisterhaften Aufsatz beigesteuert hat, trifft eine Unterscheidung,
die umgangssprachlich fast in Vergessenheit geraten zu sein scheint: die
Unterscheidung nämlich zwischen sakral und religiös: Religiosität
meint eine subjektive Einstellung, die zum Beispiel in der Frömmigkeit
eines Menschen ihren Ausdruck findet; Sakralität hingegen hat einen
objektiven Anspruch: Sie zielt auf die Vergegenwärtigung des Göttlichen.
In seiner Religiosität zeigt sich der Mensch. In der Sakralität
hingegen offenbart sich das Göttliche.
Hawel beschreibt die polare Struktur der Welterfahrung, wie sie sich in
den Begriffen sakral und profan widerspiegelt. Wann immer sich Göttliches
im Leben und Raum des Menschen offenbart, wann immer das Absolute in das
Profane einbricht, entsteht eine Polarität, die - so Hawel - unter
Umständen zu einer dauernden Verbindung - einer axis mundi zwischen
Himmel und Erde - werden kann. Durch die axis mundi wird der zunächst
unausgerichtete menschliche Raum auf eine geistige Mitte hin geordnet
und gewertet. Diese Raumperspektive, die ihre Fluchtpunkte in den Polen
der axis mundi findet, nennen wir, sofern sie zur Lebensperspektive eines
Menschen wird, Religion: die Grundausrichtung unseres Lebensraumes.
Es ist allein diese axis mundi, die den Raum des Menschen zu eröffnen
vermag, indem sie ihn aufspannt zwischen Himmel und Erde und ihm so seine
Dimension verleiht - indem sie Vertikale und Horizontale, Göttliches
und Irdisches räumlich zu einer Ganzheit vermittelt. Religion bekennt
sich zu dieser Perspektive. Ihre Vergewisserung wird im Kultus gefeiert
und in der Liturgie vergegenwärtigt. Im Innenraum von Religion findet
diese Vergewisserung statt - mittels Symbolen, Riten, Zeremonien und Sakramenten.
Hier vergegenwärtigt sich das Heilige - und eben hier ist der Ort
von Sakralität, die nichts anderes meint als die Anwesenheit des
Göttlichen im Irdischen.
Das Sakrale ist demnach das ganz Andere, das sich in keiner Weise aus
dem üblichen Weltverstehen und Selbsterleben des Menschen ableiten
lässt. Was aber unableitbar ist, nennen wir gemeinhin das Absolute
- und in seiner Erscheinung das Numinose. Es zeigt sich in der gewöhnlichen
Alltagswelt, in der sich der Mensch in ein nutzbares Verhältnis zu
den Dingen setzt, als etwas Fremdes und Unverfügbares. Wo das Numinose
verfügbar gemacht werden soll, verkommt es zu Magie und Ideologie.
Die Weltfremdheit des Göttlichen wird dann zur Weltanschauung des
Menschen. Von Sakralität kann nicht mehr die Rede sein. Nur im Kult
und in der Liturgie kann der Mensch dem Fremden, dem Unverfügbaren,
antworten und zu entsprechen versuchen: indem er das Göttliche, das
er nie fassen kann, feiert. In dieser Feier nun begegnet der Mensch nicht
nur dem für ihn unverfügbar Fremden, sondern in dieser Feier
vollzieht sich auch eine besondere innere Selbstgestaltung des Menschen:
Er vergewissert sich seiner selbst, indem er sich jene Polarität
von sacrum und profanum vergegenwärtigt, in die er einbezogen, ja
eingespannt ist.
Mit diesen - hier ganz verkürzt wiedergegebenen - Erläuterungen
eröffnet Hawel den Band über Sakralität und Moderne. Es
geht um die Frage nach dem Ort und der Bedeutung sakraler Kunst, die sich
anders verstehen muss, als dass sie in der Ästhetik ihren Maßstab
findet. Denn Kunst, die das Göttliche zu vermitteln sich anheischig
macht - sakrale Kunst eben, kann niemals zweckfrei auf sich selbst verweisen.
Sie will über sich selbst hinaus auf etwas anderes, nämlich
das Geistige und Göttliche, zeigen, ja, das Göttliche offenbaren.
Sakrale Kunst wendet sich an den Gläubigen und nicht an den Kenner.
Ihre Schönheit hat nur den einen Sinn: die Schönheit des Göttlichen
sichtbar zu machen. Jeder Ästhetizismus zerstört diesen Zusammenhang.
Hawels Bestimmung sakraler Kunst verdient es, gerade heute erinnert zu
werden, zumal heute manche Liturgie zu einem persönlichen Event verkommen
ist. Ein sakrales Werk ist immer an den Kultus, an die Liturgie, den Tempel
- also die Manifestation des Göttlichen gebunden. Wenn ein Kunstwerk
dieser Vergegenwärtigung nicht mehr dient, fällt es aus seiner
ursprünglich ihm zugeeigneten Bedeutung. Sakrale Kunst wandelt sich
dann zum religiösen Inventar. Die Sakralität eines Werkes beruht
allein und ausschließlich auf seiner Bedeutung als Manifestation
und Repräsentation des Göttlichen.
Ein schönes Beispiel dafür geben die Ikonen, die - als Wandschmuck
im Wohnzimmer aufgehängt - ihre Sakralität verlieren. Im Ursprung
war sie ihnen zu Eigen, weil in ihrer Darstellung des Heiligen sich das
Heilige selbst offenbarte. Durch die Ikone hindurch blickt der Betrachter
auf die Heiligkeit, die sich in ihr unmittelbar zum Ausdruck bringt -
als Hierophanie: als Erscheinung und Offenbarung des göttlichen Pols
jener axis mundi, von der anfangs schon die Rede war.
Hawel nun nimmt den Leser mit auf eine lange und aufregende Reise durch
die Glaubens- und Kunstgeschichte - eine Reise, auf der nach eben jener
Unterscheidung zwischen Sakralität, Profanität und Religiosität
Ausschau gehalten wird. Die Suche gilt jenen religiösen Phänomenen,
die eben auf jene Vermittlung zwischen Himmel und Erde in Kult und Ritus
abzielen - und damit die Voraussetzung für die Entstehung sakraler
Kunst sind. Hawel ist dabei ein eindrucksvoll kenntnisreicher Reiseleiter,
dessen doppeltes Wissen - in Fragen der Glaubens- wie der Kunstgeschichte
- dem Leser einen doppelt reichen Gewinn beschert. Und nicht nur das:
die Gabe der Unterscheidung, die ihm zu eigen ist, verhindert jene ab-
und weitschweifigen Versuche, die gelegentlich unternommen werden, um
einem Kunstwerk jene philosophische Grundierung nachträglich zu verleihen,
die nicht selten in ein Herunterbeten des Alphabetes mündet, weil
von A wie Anaxagoras bis Z wie Zenon alle Namen des Philosophenlexikons
herangezogen werden. Es ist die so sachkundige, zu Ende gedachte und immer
gesammelte - eben der Fragestellung angemessene - Darstellung Hawels,
die den Leser so einnimmt. Wie er die Heiligung der Materie - im Rahmen
sakraler Kunst - darstellt und zurückführt auf die unbegreifliche
Einheit, zu der sich Gott und Mensch in Jesus Christus verbunden haben,
und sodann die Bedeutung dieses Bekenntnisses im Blick auf die Entwicklung
sakraler Kunst entfaltet, ist mitreißend. Denn wer an der unaufhebbaren
Scheidung zwischen Göttlichem und Irdischem festhält, wie es
zum Beispiel die Gnosis tat und tut, kennt keine vergegenwärtigende
Liturgie und keine Sakralkunst, kein Priestertum und kein Sakrament. Die
Heiligung der Materie ist die unausweichliche Folge der Vergegenwärtigung
des Göttlichen im Irdischen. Und eben diese Heiligung des Irdischen
suchten mit gutem Grund die ersten dogmatischen Festlegungen der frühen
Kirche unumstößlich zum Ausdruck zu bringen: Maria als Gottesgebärerin
(Ephesos), Christus als wahrer Mensch und wahrer Gott (Chalzedon) und
die Bilderverehrung (Konstantinopel).
Selbstherrlich Vollendung anstreben ist der Sündenfall
Jetzt wird schon in Umrissen zumindest klar, wie es immer wieder zur
Verirrung des Ikonoklasmus (Bildersturm)- auch jenem des ausgehenden 20.
Jahrhunderts - in der Geschichte des Christentums kommen konnte. Denn
da, wo ihre Voraussetzungen im Denken und Glauben geleugnet werden, da
schwinden die Bestandsbedingungen sakraler Kunst. Der Schritt zur Kirche
als Mehrzweckhalle ist dann nicht mehr groß. Wichtig ist, an dieser
Stelle festzuhalten, daß es eben nicht nur ein Glaubensverlust war,
der diese Entwicklung, wann immer sie sich kirchengeschichtlich anbahnte,
begünstigt hat. Es war immer auch eine Verflachung des Denkens in
Theologie und Philosophie, die dazu beigetragen hat, dass der Sinn für
Sakralität versandete. Diese um der Sache willen notwendige Tiefe
des Denkens wiedergefunden zu haben, ist vielleicht das größte
Verdienst des eindrucksvollen Beitrages von Hawel.
Nach einem langen Gang durch die europäische Kunstgeschichte mündet
Hawels Untersuchung ein in die Frage: Wie können und müssen
wir den Wandel vom christlichen Sakralbau zur Kirche "mit religiösem
Beiwerk", den zeitgenössischen Verzicht auf anschauliche Bildwerke,
ja, des Opfers und Leidens Christi, überhaupt, den Verzicht auf die
augenscheinliche Einheit des mystischen Leibes Christi verstehen? Es ist
wohl das Ethos des strebsamen, arbeitsamen und ehrbaren Bürgers,
so Hawels Versuch einer Antwort auf die Frage, das den lieben Gott einen
guten Mann sein lässt, der hier auf Erden aber nichts zu suchen hat.
Die Selbstgestaltung des Menschen, von der anfänglich schon die Rede
war, vollzieht sich heute allenthalben als Selbstgenügsamkeit. Der
Mensch ist sich selbst genug.
Hawel fügt dieser - wohl treffenden - Diagnose zwei wichtige Hinweise
hinzu: Er spricht - heute ebenfalls fast vergessen - von der theologisch
notwendigen Ergänzung des gesprochenen Wortes durch das offenbarende
Bild: Und das Wort ist Fleisch geworden. Der Gedanke und sein Bild lassen
sich nicht voneinander trennen. Das ist, wenn man sie ernst nimmt, eine
grundstürzende Einsicht. Zudem verweist er auf die Tatsache, dass
in eben dieser schon erwähnten Haltung menschlicher Selbstgenügsamkeit
nach der Offenbarung Christi die Ursünde besteht: Sich selbst zu
entwerfen und selbstherrlich seine Vollendung erreichen zu wollen, sein
ganzes Glück auf Erden zu suchen, ist, wie schon in der Genesis berichtet
wird, der Sündenfall.
In kenntnisreichen Einzelstudien werden nach Hawels maßgeblicher
Einführung vier Künstler vorgestellt: Hubert Krins schreibt
über die "Spiritualität in der Beuroner Kunst" und
ihren vornehmlichen Vertreter P. Desiderius Lenz, Elizabeth L. Langhorne
über "Jackson Pollock und das Sakrale", Horst Dieter Rauh
widmet sich Barnett Newman unter der Überschrift "Mystik und
Kalkül" und Ralf van Bühren erschließt die weltanschauliche
Botschaft von Joseph Beuys als "Spiritualität des Irdischen".
Diese Beiträge verweisen auf einen bislang nicht beachteten religiösen
Ansatz der Moderne, das Transzendente zu thematisieren, was freilich noch
kein Weg zum Sakralen darstellt. In gewisser Hinsicht hat Joseph Beuys
den Schlusspunkt unter die Moderne als Kunst gesetzt.
Von van Bühren stammt auch der letzte, umfangreiche Beitrag über
"Sakralkunst und Moderne. Versuch einer Bilanz aus Sicht des katholischen
Lehramts im 20. und 21. Jahrhundert" - ein nicht nur aus sachlichen
Gründen, sondern auch im Blick auf die Komposition des Buches wichtiger
Abschluss, weil van Bühren den Bogen schlägt zum Eingangskapitel
aus der Feder Hawels. Anhand zahlloser Belegstellen aus lehramtlichen
Einlassungen sämtlicher Päpste des 20. und 21. Jahrhunderts
belegt van Bühren das Bemühen, eine Sakralkunst, wie sie Hawel
zuvor theologisch und ikonographisch dem Leser erschlossen hat, zu fördern.
Mancher Leser wird eine besondere Aufmerksamkeit den Ausführungen
widmen, mit denen van Bühren die Entsakralisierung und den postkonziliaren
Ikonoklasmus nachzeichnet.
Dass die ikonoklastische Purifizierung in den 70er und 80er Jahren des
vergangenen Jahrhunderts auf einem gründlichen - manchmal wahrscheinlich
gewollten, gelegentlich ungewollten - Missverständnis der Dokumente
des Zweiten Vaticanums beruht, liegt auf der Hand.
Ohne Kunst ist der Glaube schwer erreichbar
Eindrucksvoll bestätigt findet der Leser diese Vermutung, wenn er
die Quellen und Dokumente, die in einschlägigen Auszügen dem
Band am Ende beigefügt sind, selbst nachliest. Was zum Beispiel im
Kirchenbau in den 70er Jahren zur Mode wurde - seine Entsakralisierung
zugunsten einer angestrebten Multifunktionalität, entsprach in keiner
Weise den Absichten des Konzils. Dabei war es oftmals kein böser
Wille, sondern die Fügsamkeit gegenüber dem Zeitgeist, der von
Überlieferung nichts mehr wissen wollte - und so eine Verflachung
im Denken bewirkte, die am Ende den Ausschlag gab: Ein Mangel an ästhetischer
und historischer Sensibilität, Geschichtsvergessenheit, die Sucht
nach Veränderung, der Drang zu unüberlegter Neuerung - und nicht
selten die Anmaßung einer willkürlichen Auslegung der neuen
Richtlinien zur liturgischen Ordnung wurden zu prägenden Beweggründen.
Sakrale Kunst hat die Aufgabe der Vermittlung. Ihr Zweck ist nicht, Anlaß
für den ästhetischen Genuss zu geben. Entsprechend ist der Auftrag
des Künstlers zu bestimmen, wie Johannes Paul II. ihn in einer Ansprache
vor Künstlern 1985 in Brüssel zum Ausdruck brachte: Alle Kunst
deutet die Wirklichkeit jenseits dessen, was die Sinne erfassen. Eine
Welt ohne Kunst kann sich schwerlich dem Glauben öffnen. Es scheint,
dass sich heute unser Sinn für diesen Zusammenhang wieder schärft.
Eröffnet wird der bemerkenswerte Band durch eine Einführung
seiner Herausgeberin Hanna Barbara Gerl-Falkovitz, die über "Romano
Guardinis Gedanken zur Kunst, die neue Haltung: Phänomenologie, oder:
sich die Welt zeigen zu lassen" schreibt. Mit wenigen Federstrichen
zeichnet Gerl-Falkovitz die Veränderung des Kunstverständnisses
im zurückliegenden 20. Jahrhundert nach und rückt dabei die
phänomenologische Wende der europäischen Philosophie in den
Mittelpunkt. Ganz zu Recht: Denn die Phänomenologie hat auf eine
neue Weise den Sinn von Kunst bestimmt: als die immer neue Begegnung zwischen
Mensch und Welt in Farben, Formen, Tönen und Worten. Guardini lässt
anklingen, was dann wenige Seiten später Hawel in seinem Beitrag
ausführlich und nachdrücklich entfaltet: dass sich im Kult -
dem Bild des Göttlichen im Irdischen - Gottes Sein und Wollen gegenwärtig
setzt. Dort, wo sich Kult und Ästhetik verbinden, ist der Ort sakraler
Kunst - und zugleich der Ort der Selbstgestaltung des Menschen jenseits
aller Selbstgenügsamkeit. In den Worten Guardinis ausgedrückt:
In einen Schöpferdienst hat Gott den Menschen gerufen: "dass
immerfort, in seiner Begegnung mit den Dingen, die eigentliche Welt werde."
Dieses - übrigens wunderbar gestaltete - Buch, das sei abschließend
gesagt, ist Gewinn und Genuss für den Leser, jeder Geschwätzigkeit
abhold, und das, worauf es aufmerksam machen will, zu Ende denkend.
Exklusive Besprechungen christlicher Bücher und
Medien, www.2cor3.de/sakralitaet-und-moderne/
2. Mai 2011, sowie erschienen im Beuroner Forum Ed. 2011, LIT Verlag,
Rezensent: Stefan Blanz.
In dieser von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz herausgegebenen Aufsatzsammlung
begegnen sich zwei ungleiche Verwandte, deren Begegnung zu Zeiten der
Geburt der Jüngeren, der (klassischen) Moderne, scheiterte und die
in jüngster Zeit wieder einander zu begegnen versuchen. Kunst und
Kirche haben in unserer Zeit ein schwieriges Verhältnis zueinander:
miteinander können sie nicht und ohne einander können sie auch
nicht. Die Erklärungen hierzu sind letztlich gleichermaßen
einfach wie paradox. Die Bewusstseinsgeschichte nährt sich seit dem
20. Jahrhundert insbesondere in der Kunst aus dem Konflikt von Subjektivität
und Objektivität, der in der Konfrontation von (gottgleicher?) Schöpferpersönlichkeit
des Künstlers und dem Anspruch auf den Schöpfungsursprung in
Gott selbst gipfelt. Der Versuch, Moderne und Sakralität zusammenzudenken,
erscheint wie ein Zusammenprall sich ausschließender Dimensionen.
Doch an dieser Unversöhnlichkeit von vermeintlich neuer Zeit und
vermeintlicher Traditionsgewissheit wird in jüngster Zeit wieder
vermehrt gerüttelt. Zu viele Zweifel haben die (überbordenden)
Grenzerfahrungen des vergangenen Jahrhunderts geschürt. Deshalb ist
es kein Wunder, dass neben den behandelten Größen der (post-)modernen
Kunst wie Josef Beuys, Barnett Newman und Jackson Pollock auch ein Beitrag
des Kurators des Kunstarchivs der Beuroner Kunstschule zu finden ist.
Hubert Krins stellt in seinem Aufsatz nach einer phänomenologischen
Einführung der Herausgeberin und kunsthistorischen Bestimmungen des
Verlegers Peter Hawel die klösterliche Kunst der von Desiderius Lenz
initiierten und geprägten Kunst vor, die auf eine altägyptische
Formensprache und eine strenge Kanonisierung in der Darstellung rekurriert.
Die Suche nach dem objektiven Schöpfer beruft sich konstitutiv auf
ein Gotteslob von Jesus Sirach: "Du aber hast alles nach Maß,
Zahl und Gewicht geordnet" (Weis 11,20). Dieses Konzept der spirituell-liturgischen
Formgebung in der Beuroner Kunst wird am Beispiel der Idealkirchenplanung
des P. Desiderius Lenz vorgestellt, die in dieser Dimension nie in die
Tat umgesetzt wurde, aber dennoch das gesamte Konzept einer Erneuerung
christlich-kultisch-modularen Kunst (am Ausgang des 19. Jahrhunderts)
enthält, die sich architektonisch und malerisch in den Dienst der
eucharistischen Gegenwart gestellt hat.
Der Aufsatz von Elisabeth L. Langehorn ist einem geplanten Kirchenprojekt
mit Werken des avantgardistischen Jackson Pollock gewidmet. Sie zeichnet
dabei auch eine werkbiografische Skizze des Amerikaners bis hin zu seinen
großflächigen Action Paintings mit ihrem spontanen Duktus nach,
die im genannten Kirchenprojekt den Konflikt zwischen (Selbst-)Sucht und
(Gottes-)Sehnsucht aufzeigen. Doch die Transzendenz des eigenen Ichs des
Künstlers reicht nicht aus, dem gemeinschaftlichen Verweis auf einen
externen Schöpfer gerecht zu werden. Auch der hohe Abstraktionsgrad
der Pollockschen Bildsprache forderte die Zeitgenossen in seiner Sinnfälligkeit
zu stark heraus, so dass auch dieses Projekt nicht zur Ausführung
kam.
Der Aufsatz von Horst Dieter Rauh über Barnett Newman (Mystik und
Kalkül) beschreibt eine weder auf Architektur noch auf den christlichen
Glauben bezogene Malerei, die dennoch genuin sakral ist. Ihre Sakralität
ist nicht kirchlich-religiös oder gar liturgisch motiviert, sondern
Arbeit zum Erhabenen im Sinne der philosophischen Tradition. Diese Polymonochromien
zwischen Säkularisierung und geistlicher Erneuerung postulieren transzendente
Wahrnehmungen aus dem Bedürfnis nach Überwältigung und
Geheimnis.
Den Abschluss des Bandes bilden zwei Aufsätze des in Rom tätigen
Kunsthistorikers Ralf van Bühren, der nicht nur die materiale Bildwelt
des Joseph Beuys als Spiritualität des Irdischen vorstellt, sondern
auch die Entwicklung des kirchlichen Lehramtes in Fragen von Kunst und
Liturgie im 20. und 21. Jahrhundert bilanziert. Dabei wird nicht nur das
Kirchenrecht präsentiert, sondern auch die geschichtliche Entwicklung
seit Pius X. nachgezeichnet. Das auf den ersten Blick bunt zusammengewürfelt
wirkende Konglomerat von Texten stellt sich im Laufe der Lektüre
als ein relevantes Kompendium aus Lehramt, Konzepten und Begriffen dar,
das durch Quellen und Dokumente ergänzt wird. Das empfehlenswerte
Buch gibt allen Beteiligten wichtiges Rüstzeug an die Hand. Die offene
Form der Darstellung hilft Künstlern gleichermaßen wie Galeristen,
Kunsthistorikern, Theologen, Publizisten, Kunstkommissaren und Ordinierten.
Die Texte werden ergänzt durch teilweise farbige Abbildungen, die
alle Anforderungen an die visuelle Nachvollziehbarkeit des Beschriebenen
bieten und auch Einblicke in Werke und Texte bieten, die sonst nicht direkt
für die Öffentlichkeit zugänglich sind.
Klerusblatt 91, Zeitschrift der katholischen
Geistlichen in Bayern und der Pfalz, München, Rezensent: Stefan Hartmann.
Die Beziehung von Kunst und Religion ist in der Moderne immer schwieriger
geworden. Dabei waren sie ursprünglich fast Geschwister. Bereits
die frühesten Zeugnisse der Kunst verweisen auf religiöse Praxis;
der Zusammenhang von Sakralität und Ästhetik ist lange ein Kulturmerkmal
des Christentums geblieben.
Das gemeinsame Band ist zertrennt - aber wer hat es durchschnitten, die
Kunst oder die Religion? Seit dem 19. Jahrhundert wollten die Künstler
"frei" sein, keiner Instanz, keiner Autorität, keinem Ideal
verpflichtet - außer der eigenen Autonomie. Dieser Weg hat die Kunst
von der Gesellschaft entfernt und isoliert. Das Christentum zog sich zurück
auf persönliche Innerlichkeit, auf Traditionspflege, auf das Soziale.
Ist das der Weg einer Offenbarungsreligion, die zum Heiligen hinführen,
die Menschen und die Natur erlösen soll?
Der Kunstgeschichtler und Verleger Peter Hawel (Dorfen bei München)
ergriff aufgrund dieser Sorge die Initiative zu einem unter der Herausgeberschaft
der Guardini-Biographin und Edith-Stein-Forscherin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
(Dres-den/Erlangen) veröffentlichten Sammelband mit sehr grundlegenden
und disparaten Beiträgen zu den Fragen von "Sakralität
und Moderne". Einleitend skizziert die He-rausgeberin Romano Guardinis
Gedanken zur Kunst und seine neue Haltung einer offenen Phänomenologie:
"Kunst darf und soll keine fremdbestimmte, von offenen oder verborgenen
Absichten unterlegte Funktion übernehmen. Sie ist vielmehr, e-benso
wie die Liturgie, zwecklos, aber sinnvoll ... ihr Ziel ist nicht von einer
Ideologie, sondern von der Wahrheit her zu prüfen" (10). Während
viele Theologen und Kirchenleute noch um die Richtung streiten, zeigen
moderne Künstler wie Jackson Pollock, Barnett Newman und Joseph Beuys,
wie brüchig die Konventionen von Kunst und Religion geworden sind.
Sie suchen inmitten des irdisch Profanen die verborgene Transzendenz und
werden kenntnisreich von Elizabeth L. Langhorne (Connecticut), Horst Dieter
Rauh (Aachen) und Ralf van Bühren (Rom) vorgestellt. Dabei fehlen
zu Beuys bei aller Wertschätzung auch nicht kritische Anmerkungen
zu seinen anthroposophischen Tendenzen, "denen das esoterische Grundprinzip
der Selbsterlösung durch Erkenntnis zugrunde liegt" (221).
Hubert Krins (Tübingen) widmet sich ausführlich der Spiritualität
der Beuroner Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit besonderem
Blick auf die Idealkirchenpla-nung des Pater Desiderius Lenz OSB. In einem
lehrreichen Durchblick durch die Kunstgeschichte und Architektur des Sakralen
bis zu seiner Auflösung in Klassizismus und Moderne kommt Peter Hawel
zu dem Fazit: "Wir verzichten großmütig auf die Gnade
Christi, auf die Hilfe und Fürbitte der Heiligen, auf unsere Anteilnahme
am bitteren Los der armen Seelen. Erst wenn die geistige Welt wieder anschauliche
und wirkmächtige Realität in uns, in unserer Welt, in unseren
Kirchen geworden ist, dann wird und kann erneut eine wahre Sakralkunst
entstehen" (70). Nicht thematisiert werden leider die Herausforderungen
und Chancen der "Postmoderne", deren Dekonstruktionen durchaus
neue Aufgänge und Blickweisen ermöglichen.
Der inhaltlich ergiebige und reichlich bebilderte Band ist durch eine
umfassende Bilanz und textliche Dokumentation zum Thema "Sakralkunst,
Liturgie und Moderne aus Sicht des katholischen Lehramtes" ergänzt
(231-330). Den erstaunlichen Ab-schlussimpuls bilden Auszüge aus
dem Buch des bekannten und Guardini sehr ver-bundenen Architekten Rudolf
Schwarz: "Vom Bau der Kirche" (Heidelberg ²1947). Hier
scheint die rationalistisch-funktionale und anthropozentrische Kirchenarchitektur
der Gegenwart grundgelegt (vgl. nun auch den Band "Kirchenbauten
in der Ge-genwart. Architektur zwischen Sakralität und sozialer Wirklichkeit",
Regensburg 2011), aber auch eine Alternative zur jüngst häufiger
ins Gespräch gebrachten Ostung der liturgischen Gebetsrichtung formuliert
zu sein. Der Band kann allen an Fragen um Kunst und Religion, Liturgie
und Architektur, Interessierten Anregungen und Material bieten.
www.merkur-online.de/lokales/dorfen/zwischen-moderne-religioeser-kunst-1135685.html,
23.02.2011, Rezensent: Georg Brennauer
ZWISCHEN MODERNE UND RELIGIÖSER KUNST
Titel und Fragestellung sind durchaus aktuell, denn es geht um die Frage:
hat die Moderne die sakrale, religiöse und kirchliche Kunst endgültig
abgelegt, oder ist sie selbst, nicht nur von ihrer Herkunft, sondern auch
von ihrer Zielsetzung religiös im ursprünglichen Sinne? Erstrebt
die Moderne eine Deutung der Welt oder bleibt sie das unverbindliche Spiel
der Künstler?
Dieser scheinbar gelösten Frage sind bedeutende Ausstellungen wie
"The Spiritual in Art - Het mysterie von de abstrakten 1890-1905"
in Den Haag (1987) oder "Traces du sacre" im Centre Pompidou
in Paris (2008) aber auch eine diesbezügliche Ausstellung im Münchner
Haus der Kunst (2010) nachgegangen. Dass sich durchaus Sakrales in der
Moderne findet, war nicht nur für die Besucher eine Überraschung.
Hilfreich in dieser Hinsicht ist das neue Buch allemal. Das 352 Seiten
umfassende Werk spannt einen Bogen, von der langen Epoche christlicher
Sakralkunst - spätantiken Christentum, Mittelalter, Renaissance,
Barock und dessen Endphase, dem Klassizismus des 19. Jahrhunderts - hin
zur Moderne, wobei der Künstler Joseph Beuys zu den bekanntesten
und wohl auch umstrittensten gehört. Zahlreiche, zum Teil ganzseitige
Farbabbildungen und Schwarzweißfotos vermitteln anschaulich den
Wandel in den verschiedenen Stilepochen.
Neben der Herausgeberin Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz thematisieren
profunde Kenner der Kunstgeschichte in teils wissenschaftlichen teils
philosophischen Beiträgen die verschiedenen Stilepochen, wobei die
meisten durchaus angenehm zu lesen sind. Die Autoren, darunter Peter Hawel
durchleuchten eingehend in wie weit sich die "Moderne" noch
mit der sakralen Kunst und ihren verschiedenen Facetten sowie der Architektur
verträgt? Bewegt sie sich mit ihren neuen Elementen weg von den überlieferten
Vorstellungen der sakralen Architektur und Kunst, die im Grunde genommen
von der Liturgie abgeleitet ist?
Die Originalbeiträge bestehen in: "Romano Guardini, Gedanken
zur Kunst - Phänomenologie, (Gerl-Falkovitz) "Aspekte zur Sakralkunst
(P. Hawel), "Spirualität in der Beuroner Kunst" (H. Krins),
"Jackson Pollock und das Sakrale" (E. Langhorne), "Barnett
Newman - Mystik und Kalkül" (H.D. Rauh), "Spiritualität
des Irdischen - die weltanschauliche Botschaft im Werk von Joseph Beuys"
(Ralf van Bühren), "Sakralkunst und Moderne - Versuch einer
Bilanz aus Sicht des Katholischen Lehramts im 20.- und 21. Jahrhundert"
(Ralf van Bühren).
Der Hawel Verlag wurde vor sechs Jahren in München gegründet
und setzt mit seinen Publikationen auf die Bereiche Geisteswissenschaft,
Kunst und Kultur. Getreu seiner Philosophie versteht Hawel seine Werke
als Beitrag zur geistigen Freiheit und zum Selbstbewusstsein des Abendlandes.
Einzige Mitarbeiterin im Verlag, der sein Domizil vor gut zwei Jahren
im renovierten Pfarrhof von Oberdorfen aufgeschlagen hat, ist Ehefrau
Tina Mittler-Hawel, die für Satz und Gestaltung der Bücher verantwortlich
zeichnet. Für 2011 ist ein Werk über Gotische Madonnen geplant.
Übrigens zum Klientel des Verlages zählt auch die Bibliotheka
Hertziana in Rom, die über den bedeutendsten deutschsprachigen Bücherfundus
zur Kunstgeschichte verfügt.
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