Katholische Sonntagszeitung, Nr. 22, Buchtip 5./6.06.2010, Rezensent: Lutz Neumann

Es mutet fast etwas kurios an, wenn ein Buch über "Die bayerische Rokokokirche" aus dem Englischen ins Deutsche übertragen wird. Aber bei Karsten Harries ist es etwas anderes. Der Professor an der Universität von Yale ist deutschstämmig und war schon als Zwölfjähriger fasziniert von der benediktinischen Abteikirche in Andechs. Harries gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Architekturtheoretiker. Ihm hat es das dialektische Spiel von Funktion und Form, von Alltag und Kunst, von Tradition und Moderne, von Heimat und Ferne angetan: "Architektur eröffnet Perspektiven, die über unser körpergebundenes, also auch orts- und zeitgebundenes Sehen und Verstehen hinausgehen und damit eine Reise in das Entdecken von mehr als nur räumlicher Beziehung sind." Bauten sind für Harries als Utopie der wahren Heimat geschaffen. In neun Kapiteln durchstreift er Kirchen aus dem Rokoko. Er beschreibt präzise die Elemente des bayerischen Rokoko, insbesondere der Ornamentik im Zusammenspiel mit dem italienischen und dem französischen Stil. Die fürstäbtliche Residenz in Kempten und die Stiftskirche Marienmünster in Dießen führt Harries als ausdrucksvolle Beispiele für feinfühlige Dekoration auf. Die Studienkirche in Dillingen war in seinen Augen nicht nur ein Zentrum für die Ausbildung des Klerus, sondern auch für die der späteren Bauherren. Die Pfarrkirche in Weilheim dagegen ist für den Wissenschaftler ein "etwas misslungenes, aber aufschlussreiches Beispiel". Das Lichtspiel, das im Rokoko dem Kircheninnenraum einen besonderen Glanz gibt, insbesondere die ornamentalen Fenster wie in der Liebfrauenkirche in Bobingen oder der Theklakirche in Welden, streift Harries nur. Als Inbegriff eines theatralischen Sakralraums stuft er die Wieskirche ein.

"Die Bayerische Rokokokirche" von Karsten Harries ist im Hawel Verlag Dorfen erschienen und kostet 49 Euro.



KunstbuchAnzeiger.de
ab dem 23.08.2010, Rezensent: Matthias Mochner

DIE BAYERISCHE ROKOKOKIRCHE
Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um eine Neubearbeitung und Erweiterung der Übersetzung aus dem Englischen des 1983 erschienenen Buches"The Bavarian Rococo Church - Between Faith und Aestheticism". So wird eine Studie über ein spezielles Teilgebiet der Architekturgeschichte, in das sich vielleicht nicht jeder moderne Zeitgenosse sofort und leicht hinein findet, wieder zugänglich gemacht. Diesem Ansatz sind die Publikationen des Hawel-Verlags verpflichtet, darin liegt ihr besonderer Wert. Den Autor Karsten Harries, 1937 in Jena geboren und seit seiner Emigration 1951 in Amerika lebend, interessiert das "Wesen des Rokoko", also das Wesen "der bayerischen Sakralarchitektur des 18. Jahrhunderts" (S. 30). Mit dem Buch konnte er sich seinerzeit einen Jugendtraum verwirklichen (Vorwort). Das Unterfangen, nunmehr neu aufgelegt, verdient Interesse, da die geistigen Hintergründe jener architektonischen Stilrichtung bisher noch kaum bewusstseinsgeschichtlich freigelegt worden sind. In Karsten Harries' Studie aber spürt man, nicht zuletzt aufgrund der über achtzig neu angefertigen Schwarzweißaufnahmen, dass man sich diesem Forschungsfeld nähert. Hinzu kommen in der Mitte des Bandes rund 32 Farbtafeln. Sie sind so gehalten, dass vom Rokoko in ihnen etwas wie zu "leben" scheint.
Harries differenziert zunächst seine Fragestellung, untersucht dann, wie das Ornament zum Bild wird, betrachtet das Verhältnis von Raum und Illusion, um im vierten Kapitel "Architektur contra Architektur" innere Beziehungen zwischen der Architektur der Renaissance, dem Barock aber auch der Spätgotik zu behandeln. Ein sehr verdienstvolles Kapitel. Es folgen Kapitel zur Beziehung von Barock und Theater, zum Verhältnis von Geschichte und Heilsgeschichte, über Maria und Kirche, schließlich zur Aufklärung und der Rokokokirche sowie das Schlusskapitel "Ornament, Architektur, Moderne". In ihm klingt mit der "ethischen Funktion des Ornaments" ein bis heute hochaktuelles Thema an, nämlich die Frage der Wirkung architektonischer Formen auf den Menschen im tieferen Sinne. Dass man hier Namen wie Adolf Loos begegnet, war zu erwarten, nicht jedoch, dass auch Josef Beuys Erwähnung findet (S. 365). Zu den ethischen Aufgaben der Architektur hat Karsten Harris 1997 ein eigenes Buch veröffentlicht: "The Ethical Function of Architecture". Es soll ebenfalls demnächst auf Deutsch erscheinen.
Die Darstellung endet mit einem Ausblick auf die Grundlagen der Moderne vor den Hintergründen der bayerischen Rokokokirchen. Hier findet sich der bemerkenswerte Satz: "Die Rokokokirche versuchte mittels ihrer seltsamen Perspektive der Fresken und der eigenen Anwendung der Rocaille die Balance zwischen dem Jetzt und dem Erhofften aufrecht zu erhalten, indem sie gleichsam mit der Perspektive, der Vergangenheit, der Zukunft und der Gegenwart, kurz mit Raum und Zeit spielte. Rein ästhetisch kann uns dieses großartige Spiel auch heute noch ansprechen, freilich ohne daß wir etwa Transzendentes dabei erfahren". Karsten Harries zeigt in diesem Gedankengang nicht nur seine wahre Begeisterung an dem von ihm behandelten Thema, sondern markiert zugleich damit den Punkt, wo das Spirituelle der Rokokokirchen auf Grundlage des sich wandelnden menschlichen Bewusstseins (dem die Wirklichkeit einer Rokokokirche heute fremd anmutet) wieder gefunden werden kann: Über die Wahrnehmung des Lebendigen im eigenen Denken. Einem Denken, dass über Nietzsche (er wird S. 377 folgend mehrfach zitiert) hinausgehend, freilich nicht im Wahnsinn endend, klar erkennend ins Geistige fortschreitet. Für diesen Weg - am Beispiel einer Beschäftigung mit den bayerischen Rokokokirchen - bietet das Buch viele Anregungen, Beobachtungen und Gedanken. Man kann es in gewisser Weise als eine Art Einstieg in das Thema der Rokokoarchitektur betrachten. Dem dient auch die Übersetzung.

 

Die Tagespost, Nr. 27, vom 06.03.2010

MUSCHEL UND PERLE
Beten im Licht der Gnade - Das bayerische Rokoko ist ein frühmodernes Gesamtkunstwerk, Rezensentin: Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Nicht selten hört man die Behauptung, im bergenden Dunkel romanischer Kirchen lasse sich besser beten; dieser wunderbar strenge Stil leite von sich aus zum Sakralen. Dennoch lohnt sich das Nachdenken über einen völlig entgegengesetzten Stil, der das Lichte und Heitere, bis zum Anmutigen, vor Augen hält: Alle Welt findet sich ein in der Kirche, alle vier Elemente, Bäume, Vögel, Engel, Menschen, überstrahlt oder in indirekter Lichtführung übergoldet von Helle. Die Schöpfung selbst betet versammelt an, indem sie vor Gott "spielt". Das ist die künstlerische Leistung des Rokoko, genauer noch: eines geographisch auf engem Raum zu höchster Dichte gelangten süddeutschen Rokoko.
Es ist das Verdienst eines Deutsch-Amerikaners an der Universität Yale, diese unvergleichlichen Schönheiten, die ihn als zwölfjährigen Münchner Schüler bei einem Besuch in Andechs zum ersten Mal anrührten, in einem handlichen und kundigen Buch vorzustellen und ihren Werdegang, die Blüte und das Ende anschaulich-fesselnd zu verfolgen. Karsten Harries, Jahrgang 1937, wurde in Jena geboren und gelangte mit 14 Jahren 1951 in die Vereinigten Staaten, wo ihn die Laufbahn als Kunsthistoriker bis nach Yale brachte. Nie vergaß er seine Herkunft, im Gegenteil, er widmete seiner Heimat eine Fülle von Forschungen, fußend auf bahnbrechenden Forschungen deutscher Kunsthistoriker wie Bernhard Rupprecht (Erlangen/München). Das jetzt ins Deutsche übersetzte Buch war ursprünglich 1983 auf Englisch erschienen und wurde für die jetzige Ausgabe nochmals überarbeitet. Es ist eine große Leistung des qualitätvollen Hawel Verlages östlich von München, der jährlich nur ein Buch herausbringt, solche hierzulande raren Darstellungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Besonders gehört es zum Profil des Verlages, Kunstgeschichte fruchtbar mit Kulturgeschichte und mit Religion, vornehmlich mit dem Christentum als geistigen Untergrund, zu verschränken.
Auch in dem neu vorliegenden, vielfältig und schön bebilderten Band geht es um mehr als Stilgeschichte: um ihre tiefe, nachweisliche Verwurzelung in einem Bild des Menschen, der Welt und Gottes. Und es ist eine Freude, diese geistige Herkunft zu verfolgen und sich die Augen öffnen zu lassen, selbst dort, wo man schon zu sehen und zu kennen meinte. Beginnen wir mit dem Ende des Bandes: Das Kapitel über die Beziehung des Rokoko zu Maria, zur Jungfrau-Mutter, enthüllt eine überraschende Symbolik. Der Stil selbst ist bekanntlich, ursprünglich sogar abfällig, nach der französischen Rocaille, einer bizarren Muschelart, benannt, die in Frankreich als Ornament zu Anfang des 18. Jahrhunderts allgegenwärtig war. In der süddeutschen Anverwandlung aber gewinnt die Muschel eine symbolische Tiefe großer Art. In den barocken Emblembüchern gilt die Muschel als Sinnbild der jungfräulichen Empfängnis, bilde sich doch in ihr die Perle durch Einwirkung des Blitzes, also immateriell. So wird Maria zur Muschel, die die Perle Jesus trägt - und plötzlich sieht man allüberall in den Rocaillen eine grundsätzlich marianische, das heißt aber menschlich-geschöpfliche Bedeutung: die durch den Geist geheiligte Natur. Auch der Überschwang des Schmucks, geradezu das Aufschäumen der Verzierungen, ja - wie gezeigt wird - der Charakter der anbrandenden Welle, das Wasserelement überhaupt, das Dynamische sich steigernder Reihungen legt die Grundbedeutung der Kirche frei: eine Woge zu sein, die die Geschöpfe zu Gott hinrollt und vor ihm absetzt, wenn man sich ihrer Bewegung überlässt.

Ein Schimmer des Sakralen.
In einem darin gleichfalls aufschimmernden Bild ist es die Mutter Jesu, die diese Bewegung nach vorne, auf den Altar zu vollzieht. Nicht wenige der Rokoko-Kirchen sind dieser alles in Bewegung setzenden, selber bewegten Mutter geweiht: ihrer Herabkunft als Kind (Rottenbuch), natürlich fast überall der Geburt ihres Sohnes, vor allem aber ihrer jubelnden Himmelfahrt, die die Blickrichtung nach oben reißt (Rohr). Es ist wohl dieser hochzeitliche Charakter, einer Hochzeit nämlich von Erde und Himmel, die diese Kirchen so freudig erscheinen läßt; aber theologisch genauer führt Harries aus, dass es nicht abstrakt "die Natur" oder "die Erde" ist, die hier erhöht und sakralisiert wird, sondern ihr weiblicher Mittelpunkt, Maria. (Im Umkehrschluss lässt sich fragen, was wohl geschieht, wenn dieser Mittelpunkt religiös und künstlerisch daraus verschwindet.) Ebenso stimmig ist die Darlegung, dass die Kirche selbst den mystischen Leib Christi zeigt, den die Mutter geboren hat als wunderbare Perle aus der Muschel.
Ist dies der theologische und gleichzeitig sinnliche Kern des Rokoko, dessentwegen allein sich schon die Lektüre lohnt, so dienen die anderen Kapitel der kunsthistorischen Ausfaltung des bayerischen Rokoko und dem Aufweis seiner Eigenständigkeit zwischen den Anregungen aus italienischem Barock und französischem Régence-Stil. Geschweige dass es sich um bloße Nachahmung oder Zusammenstellung beider handelt, haben die Handwerker und Künstler des süddeutschen Rokoko nach Harries unverwechselbare Entwicklungen vorwärtsgetrieben und unerhörte Spitzenleistungen erbracht. Insbesondere widmet sich die Darstellung der völlig ursprünglichen Lösung, mit der das Rokoko Architektur, Malerei und Plastik zu einem Gesamtkunstwerk verbindet. Herrscht im Barock noch die klare, teils gewaltige Architektur vor (man denke an die Abtei Weingarten der Vorarlberger Baumeister), der sich die anderen Künste nachgeordnet einfügen, so entwickeln die Gebrüder Asam und Zimmermann zusammen mit Johann Michael Fischer, um nur die wichtigsten zu nennen, Lösungen, die erstaunen: Die Malerei wird eigenständige Stütze und gleichrangige Fortsetzung der Architektur, das Deckengemälde wird zum himmlischen Raum, der den irdischen überspannt, überhöht, emporreißt.
Dass Baukunst und Malerei aber so spannungsreich zusammenstimmen, ist die wiederum völlige eigenständige Leistung der plastischen Stukkatur, die das Rokoko recht eigentlich zum Rokoko macht: Sie ist die eigentliche Vermittlung vor allem in der Deckenzone zwischen Architektur und Malerei. Harries zeigt anschaulich, wie sich das Verständnis einer Überwindung des starren Bildrahmens aus einigen noch unbeholfenen Versuchen rasch herausschält zur Meisterschaft (Steinhausen, Wies, Zwiefalten). Bleiben im Barock die Malereien noch streng im Rahmen, auch wenn sie illusionäre Raumtiefe schaffen wie in den Kuppelmalereien, und wird der spätere Klassizismus diese Rahmen wieder einführen und ebenso klar wie langweilig an die Wand aufhängen, so überspringt im Rokoko die Malerei die architektonisch gesetzte Grenze, ragt hinein in die Architektur und verlängert sie optisch (Steinhausen), spielt mit verschiedenen Perspektiven, und all das durch den Stuck, vornehmlich die bizarre Rocaille-Muschel, leichthändig verbunden. Harries kann zeigen, dass die Muschel durch diese Funktion aus einer bloßen Rahmung heraustritt, im Gegenteil, sich immer mehr selbst zum Kunstwerk auswächst, längst nicht mehr nur dienender Zierrat ist, vielmehr autonome Gestalt wird. Ein berühmtes Beispiel ist die Kanzel von Oppolding, die nur noch als eine aufschäumende Welle an der Kirchenwand haftet. Eben dies nennt Harries das Moderne am Rokoko: das Verlassen eines untergeordneten Status "dienender" Künste und die Gleichrangigkeit, ja Ebenbürtigkeit der Gestaltungen, ganz in der Nähe zur sich abzeichnenden Autonomie der Künste.
Ähnlich geht ja auch das Handwerk fließend in hohe Kunst über: Harries widmet dem phänomenalen Beitrag etwa der Wessobrunner Bauernfamilien zur europäischen Stukkaturkunst wichtige Überlegungen. Auch brachten nicht die städtischen Zentren, sondern das "flache Land", vor allem gefördert von den Abteien, die bedeutendsten Rokoko-Künstler hervor. Daraus erklärt sich wiederum das rasche Verschwinden des Rokoko, hängt es doch sozialgeschichtlich mit der Säkularisation und der gewollten und gewalttätigen Aufhebung vieler Klöster zusammen. Augenöffnend ist ferner zu lesen, dass die Kunst der Perspektive, die die italienische Renaissance entwickelt hatte, nördlich der Alpen von dem einen "richtigen" Standpunkt des Betrachters absichtlich abwich, um im Wandern durch den Raum mehrere Standpunkte zu ermöglichen: So kommt es zum "irrealen" Raum. Diese multiperspektivisch konstruierte Irrealität wird Ausdruck der Unerschöpflichkeit und gleichzeitigen Unfaßlichkeit des Himmlischen, das nicht in den einen Augenpunkt des menschlichen Betrachters eingezwängt wird, soll es doch sein Maß nicht mehr am Menschen abnehmen und das Himmlische damit verkleinern. Auch an solchen Überlegungen zeigt sich die ungemeine Fruchtbarkeit eines Einbezugs von Theologie in die Kunsttheorie.
Alles in allem: Eine Fundgrube von Hinweisen, eine Augenöffnung für das Großartige. Wer nur im Dunkel der romanischen Kirchen wirklich beten kann, versuche es nach der Lektüre dieses erhellenden Buches doch nochmals in einer "hochzeitlichen" Kirche des Lichts, der von oben einbrechenden Gnade - ob nicht dort eine andere Erfahrung von "Aufnahme in den Himmel" zu machen ist? Wo kann man es sonst noch erleben, dass das natürliche Licht zum Schimmer des Sakralen wird?

Karsten Harries, Die bayerische Rokokokirche. Das Irrationale und das Sakrale, Hawel Verlag, Dorfen 2009, ISBN 978-3-9810376-4-7, 429 S., 32 Abb. in Farbe, zahlreiche Abb. s/w., EUR 49,-; www.hawelverlag.de; e-mail/Bestellungen: info@hawelverlag.de, oder: Dr. Peter Hawel, Oberdorfen 37, D-84405 Dorfen

 

DER NEUE TAG - Oberpfälzer Kurier, Nr. 32, 09.02.2010,
Buch aktuell - Neuerscheinungen

DIE BAYERISCHE ROKOKOKIRCHE
Es geht hier nicht um Lokales, sondern umeine eigenständige künstlerische Leistung Bayerns während des 18. Jahrhunderts. In Auseinandersetzung mit der klaren französischen Architektur und der gekonnten illusionistischen Architekturmalerei Italiens, schufen seine Künstler die Rokokokirche als ein räumliches und bildhaftes Gesamtkunstwerk zugleich. Die bayerische Rokokokirche steht in ihrer Tendenz, den architektonischen Raum zu vereinheitlichen ohne die Sakralität aufzuheben, zwischen der spätmittelalterlichen Kunst und der Moderne, eine Leistung, die in der bisherigen Forschung kaum erkannt worden ist.

(49.-, Hawel Verlag)

 

Süddeutsche Zeitung, Landkreis Starnberg, 26.01.2010, Rezensentin: Ingrid Zimmermann

ENTZAUBERTE METAPHORIK
Karsten Harries' Werk über den bayerischen Rokoko

Starnberg - Der Titel des Buches, das jetzt in die Buchhandlungen gelangt ist, klingt harmlos: "Die bayerische Rokokokirche". Der Untertitel hört sich bereits weniger harmlos an: "Das Irrationale und das Sakrale". Nette, freundliche Beschreibungen dürften also nicht unbedingt zu erwarten sein zu diesem dekorreichen, ästhetisch-tänzerischen Stil der Kirchen, die im 18. Jahrhundert auf die ungleich bedrängenderen und dramatischeren Gotteshäuser des Barock folgten. Und so ist es auch: Das Werk, 430 Seiten stark mit zahlreichen Abbildungen, ist ein Schwergewicht. Der Text entpuppt sich als ein dichtes Gewebe, das jedoch dank des profunden Faktenwissens, das enthalten ist, und der klar nachvollziehbaren Verknüpfungen von Kunst-, Religions-, Philosophie- und Handwerksgeschichte über Jahrhunderte hinweg überzeugt und auch fasziniert.
Der Autor, Karsten Harries, 1937 in Jena geboren, wurde im 2. Weltkrieg von Berlin nach Oberbayern "verschickt" und sieht hier seither seine wirkliche Heimat. Er lebt jedoch seit 1951 in den USA und ist dort an der Yale Universität Professor für Philosophie. Das Buch erschien in englischer Sprache bereits 1983 und wurde jetzt als Übersetzung im Hawel Verlag in Dorfen im Landkreis Erding herausgebracht. Insgesamt hat Harries eine Reihe von Büchern verfasst. Sein jüngstes, 2009 erschienen, hat wiederum mit deutschen Wurzeln zu tun. Es ist ein kritischer Kommentar zu Heidegger und befasst sich mit dem "Ursprung des künstlerischen Schaffens", einem Thema, das ebenfalls enthalten ist in dem Buch über die Rokokokirchen. Doch bezieht sich Harries gleichermaßen auf zahlreiche andere Denker, so etwa auf den Wahl-Tutzinger Wilhelm Hausenstein, der in der Zeit seines Rückzugs vor der Nazi-Regierung ein berühmt gewordenes Buch über den Barock geschrieben hatte. Harries' Ansatz ist, Kunst als eine rhythmische Bewegung über die gesamte Menschheitsgeschichte hinweg zu sehen. So kommt er auch zu dem ungewöhnlichen Schluss, das Rokoko habe der Kunst der Moderne den Weg bereitet, weil in dieser Periode die Entzauberung des Metaphorischen begonnen habe, das bis dahin die rein auf die Lehre der christlichen Kirche hin entwickelten Darstellungsformen geprägt habe. Auch sieht Harries im bayerischen Rokoko einen sehr eigenen Weg und keineswegs den üblichen Nachvollzug des späten französischen Barock. Die Rocaille etwa, die Muschelform habe nirgends sonst eine entsprechend eigenwillige Bedeutung.
Die Rokokokirchen im Süden von München sind reichlich vertreten mit Beispielen und spezifischen Erklärungen zur Platzierung der Säulen, den Formen der Stuckierung oder den Übergängen von Roncaillen zu Gewölben. Das Münster in Dießen wie auch das Weltkulturerbe Wieskirche sind zu finden, jedoch ebenfalls die Kirchen von Andechs, Inning, Polling, Rottenbuch, Schäftlarn, die Marienkirche Weilheim und selbst das kleine Unering.

Karsten Harries: Die Bayerische Rokokokirche. Das Irrationale und das Sakrale. Hawel Verlag, 49 Euro.

 

Weilheimer Tagblatt, Nr. 294, 21.12.2009, Kultur, Seite 8, Rezensent: Magnus Reitinger

"DAS IRRATIONALE UND DAS SAKRALE" - UND DIE FASZINATION

Weilheim - "Ein frühes, etwas mißlungenes, aber aufschlussreiches Beispiel ist die Pfarrkirche von Weilheim; in vielerlei Hinsicht eine der interessantesten, keineswegs aber eine der gelungensten Kirchen des 17. Jahrhunderts." Dieser Satz auf Seite 146 zeigt schon, dass es hier nicht um eines jener Bücher geht, die fotoreich, aber wortarm neben viel schöner Landschaft auch noch die sakrale Pracht im Voralpenland feiern. "Die bayerische Rokokokirche" ist kein klassischer Bildband, wenngleich das Buch stattliche 100 Schwarzweiß- und 32 Farbabbildungen enthält - darunter wunderbare Aufnahmen der Deckenfresken im Dießener Marienmünster, im Welfenmünster Steingaden und natürlich in der Wieskirche. Der Anspruch dieser Neuerscheinung geht tiefer: Karsten Harries, Philosophieprofessor an der amerikanischen Universität Yale, legt eine fundierte Monografie der bayerischen Meisterwerke sakraler Rokoko-Architektur vor. Er erklärt, wie Künstler wie Fischer, Asam, Feichtmayr, Zimmermann oder Schmuzer das ursprünglich profane Rokoko Frankreichs ins Sakrale wendeten; er reflektiert neben kunsthistorischen Gegebenheiten auch theologische Hintergründe und gesellschaftliche Bedingungen. "Das Irrationale und das Sakrale" heißt der Untertitel des Werks, mit dem der Dorfener Hawel Verlag nach eigener Einschätzung eine Jahrzehnte klaffende Lücke schließt. In neun Kapiteln geht es um Themen wie "Raum und Illusion", "Theatrum Sacrum", "Maria und Kirche", um die Folgen der Aufklärung und neue Ansätze für die Moderne.
Autor Harries, 1937 in Jena geboren, lebt zwar seit 1951 in den USA, nennt aber Deutschland "und gerade Bayern" nach wie vor seine geistige Heimat. Der 2. Weltkrieg hatte ihn einst in den Freistaat verschlagen, dessen "viele entzückenden Kirchen" ihn nie losließen. "Seit dem Tage, an dem ein Lehrer des Münchner Maxgymnasiums 1949 uns zwölfjährige Schüler durch die benediktinische Abteikirche von Andechs führte, faszinieren mich Architektur und Kultur des bayerischen Rokoko", schreibt Karsten Harries in seinem Vorwort. Als Autor von sechs Büchern und zahlreicher Aufsätze widmete sich der Professor vor allem der Funktion von Kunst und Architektur in der heutigen Welt. "Die bayerische Rokoko-Kirche" ist die deutsche Übersetzung, Neubearbeitung und Erweiterung eines Buchs, das Harries bereits 1983 in englischer Sprache veröffentlicht hat: "The Bavarian Rococo Church Between Faith and Aestheticism". Die deutsche Erstveröffentlichung nun bespricht sämtliche wesentlichen Rokoko-Kirchen - aus der nahen Umgebung kommen neben den bereits Genannten auch Benediktbeuern, Ettal, Inning, Landsberg, Murnau, Polling, Rottenbuch, Schäftlarn, Schlehdorf und Wessobrunn vor -, wobei es immer um das Typische des Stiles geht.

Das Buch
"Die bayerische Rokokokirche" von Karsten Harries ist erschienen im Hawel Verlag Dorfen (432 S. 49 €). Info: www.hawelverlag.de

 

Dorfener Anzeiger, 12.012.2009, Rezensent: Brennauer

EIN BUCH VOLLER BAYERISCHER PREZIOSEN

Dorfen - Der Oberdorfener Dr. Peter Hawel realisierte das ambitionierte Buch "Die Bayerische Rokokokirche, das Irrationale und das Sakrale" in seinem kleinen, aber feinen Verlag.
Bayern ist reich gesegnet an Meisterwerken sakraler Architektur, insbesonders des Rokoko. Um so mehr verwundert es, dass es dazu keine Monographie seit 1923 (Feulner) mehr gibt. Für den 1937 in Jena geborenen und nach dem Krieg in Bayern groß gewordenen Philosophy-Professor der Yale-University, Karsten Harries, war es Herausforderung und Passion zugleich, ein neues umfassendes Werk zu verfassen und letztlich in Deutscher Sprache neu aufzulegen. Der Oberdorfener Dr. Peter Hawel realisierte mit seiner Frau Tina Mittler-Hawel das ambitionierte Projekt in seinem kleinen, aber feinen Verlag, und stellte das Buch auf der Frankfurter Buchmesse vor.
Die Erstauflage des in Englisch abgefassten Werkes "The Bavarian Rococo Church: between Faith and Aesteticism" stammt aus dem Jahr 1983. Der Oberdorfener Autor half mit, die theologischen Bezüge zu vertiefen und abermals zu überdenken. Ihm verdanke er, so Harries, dass das neue Buch nicht nur eine getreue Übersetzung des Originals, sondern eine erweiterte Neubearbeitung geworden ist. Hinzu kam, dass Ehefrau Tina Mittler-Hawel fast alle neue Objekte fotografierte.
"Die Bayerische Rokokokirche, das Irrationale und das Sakrale" umfasst 432 Seiten, 32 Farb- und 100 sw-Abbildungen und ist in Leinen gebunden, mit Leseband und Schutzumschlag. Im Gegensatz zu vielen kunsthistorischen Abhandlungen, ist es dem Autor und seinem "Verbündeten" gelungen, kunsthistorische Aussagen, theologische Hintergründe und gesellschaftliche Bedingungen miteinander zu verknüpfen und sie stimmig darzulegen. Auch die glanzvollen Rokoko-Kirchen im Erdinger Land von Buch am Buchrain, Dorfen, Eschlbach, Hörgersdorf, Inning, Oppolding bis Schwindkirchen werden in dem Buch vorgestellt.
Der Hawel-Verlag wurde vor fünf Jahren in München gegründet und setzt mit seinen Publikationen auf die Bereiche Geisteswissenschaft, Kunst und Kultur. Getreu seiner Philosophie versteht Hawel seine Werke als Beitrag zur geistigen Freiheit und zum Selbstbewustsein des Abendlandes. Einzige Mitarbeiterin im Verlag, der seine Zelte vor gut einem Jahr im renovierten Pfarrhof von Oberdorfen aufgeschlagen hat, ist seine Frau Tina Mittler-Hawel. Von Beruf Landschaftsarchitektin, fertigt sie den Satz und übernimmt die Umschlaggestaltung und bringt sich mit Strichzeichnungen und excellenten Fotos in die Publikationen mit ein.

Das Buch
"Die Bayerische Rokokokirche, das Irrationale und das Sakrale", Karsten Harries, 1. Auflage, 49 Euro, ISBN 978-3-9810376-4-7. Erhältlich im Buchhandel oder unter: info@hawelverlag.de.

 

Allgäuer Zeitung, Kulturressort, 09.12.2009, Seite 21

Die Fresken in bayerischen Rokokokirchen brauchen das Zusammenspiel mit der Architektur. So lautet einer der Kernsätze aus der Monografie "Die Bayerische Rokokokirche - Das Irrationale und das Sakrale" von Karsten Harries. Unter anderem beschreibt der Philosophie-Professor und Kunstfreund die Wieskirche bei Steingaden (unser Bild). Der 430 Seiten starke Band mit vielen Abbildungen zeigt die Ursprünge des bayerischen Rokoko (um das Jahr 1730) auf, erklärt die meisterliche Leistung bayerischer Künstler und zeichnet die künstlerische Entwicklung bis zum Ende der Epoche (etwa 1775) nach. Herausragende Rokokokirchen und ?gebäude im Allgäu gibt es neben der Wieskirche in Buxheim, Füssen, Kempten, Ottobeuren, Bertoldshofen und Irsee.

Harries' Werk ist erhältlich im Buchhandel und kostet 49 Euro
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